Vita - Daniela Wagner MA

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Auszüge aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung -Gedanken- im Schloßmuseum in Ettlingen

Eine der vielen Aufgaben für das Museum der Stadt Ettlingen besteht darin, zeitgenössische Kunst zu präsentieren. Darüberhinaus ist die allmähliche Erschließung eines größeren Spektrums des aktuellen Kunstschaffens in Baden im Rahmen von Sonderausstellungen eine sinnvolle und wichtige Ergänzung unseres Museums, das Malerei, Graphik und Skulpturen mit Schwerpunkt Karlsruhe und Baden beherbergt. Hans Benesch, von dem wir in den kommenden zwei Monaten eine Auswahl seines malerischen Werkes hier zu Gast haben werden, ist einer der vielseitigsten Künstler aus dem südwestdeutschen Raum. Geboren in Karlsruhe, begann er sich schon früh experimentell mit den Materialien Holz, Keramik und Metall auseinanderzusetzen. Parallel dazu beschäftigte er sich intensiv mit der Photographie. Seit 1965 arbeitet er verstärkt im Bereich der Malerei. Gleichzeitig
entstehen erste Goldschmiedearbeiten. Seine Offenheit gegenüber neuen Stoffen, Materialien und künstlerischen Techniken gepaart mit einer großen Neugier und Experimentierfreudigkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf. Neben der künstlerischen Tätigkeit arbeitete Hans Benesch auch jahrelang als Vermittler von Kunst in seinem Beruf als Kunsterzieher und Lehrbeauftragter an der katholischen Fachhochschule in Freiburg.
Derzeit lebt und arbeitet er als freier Künstler in Ebringen bei Freiburg. Aus seinem umfangreichen Schaffen sind in Ettlingen Arbeiten aus den vergangenen sechs Jahren ausgestellt, wobei man sich hier in erster Linie aus Platzgründen auf die Malerei beschränkt hat.

Der vom Künstler selbst gewählte Ausstellungstitel "Gedanken" verweist zunächst auf die Sinnhaftigkeit seiner
Bilder und darüberhinaus auf sehr persönliche Bezüge. Die Werke von Hans Benesch begegnen uns nicht nur als Spiegel seiner Seele, sondern als Manifest gewordene Gedanken, vor allem als Spiegel eines intellektuellen Geistes. Der Ausstellungstitel verweist weiterhin darauf, daß der Künstler sich nicht primär um formalästhetische, sondern um inhaltliche Lösungen bemüht. Seine Arbeiten haben etwas auszusagen, das über den Horizont des Beschaulichen, Schönen oder Kompositorisch-Konstruktiven hinausgeht. Wie viele Künstler, so würde sich gern auch Hans Benesch der Betitelung seiner Bilder entziehen, und das Entwirren oder Entschlüsseln bildimmanenter Rätsel und Geschehen den Betrachtern überlassen. Die Titel der benannten Bilder sind dergestalt, daß sie dem Betrachter doch zumindest einen ersten Zugang gewähren können, sie sind auf der anderen Seite jedoch so offen, daß sie eine große Breite an Interpretationen zulassen. Als Beispiel seien hier stellvertretend die beiden Werke "leicht sein" und "geborgen sein" genannt. Das verbindende Element zwischen diesen beiden Arbeiten ist das gedämpfte Orange des Hintergrundes und ein schwarzes Objekt im unteren Drittel der Bilder, das einmal links und einmal rechts vor dem Hintergrund zu schweben scheint. Symbol des Leichtseins ist ein gelbes Federobjekt, das mit der Spitze nach rechts oben weist; eine Andeutung von schweben oder abheben und ebenso eine Andeutung bzw. ein Einstieg dazu, über das Gefühl "leichtsein" weiter nachzudenken. Hier läßt sich eine lange Assoziationskette anschließen, die das Gefühl des Freiseins, der Ungebundenheit, der Schwere- und Sorglosigkeit usw. beinhalten kann. Das Bild "geborgen sein" vermittelt einen gänzlich anderen emotionalen Zustand. Im rechten oberen Drittel ist eine liegende ovale Form zu sehen, die durch eine deutliche Umrißlinie geschlossen ist. Im innern dieses Ovals ist wohl der Ort der Geborgenheit anzusiedeln. Instinktiv assoziiert man mit dieser ovalen Form einen Embryo oder Fötus in seinem Mutterleib. Vielleicht ist dies eine sehr einseitige Deutung aus meiner eigenen weiblichen Sichtweise. Und doch hat das Motiv des mütterlichen Schoßes auch in anderen Kulturen genau diese Bedeutung der Geborgenheit, des totalen Schutzes vor allem und jedermann. So kann in diesem Bild eine Sehnsucht nach diesem ursprünglichen Zustand des Aufgehobenseins mitthematisiert sein. Ebenso schlüssig und nachvollziehbar ist das Bild "1995" von Hans Benesch angelegt (Sie kennen das Bild vom Plakat zur Ausstellung). Hier wurde Bilanz gezogen über die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1995 in einer Art Pressespiegel, der in dem Bild collageartig aufgebaut ist.

Im Zentrum dominiert ein Kreuz, bestehend aus einem zurechtgeschnittenen Zeitungsausschnitt vor einem leuchtend roten Grund. Links neben diesem Kreuz können wir einem weiteren
Zeitungsausschnitt folgende Meldung entnehmen: Im Boden zehn Millionen Minen. Darüber klebt ein Ausschnitt, dessen Schrift nur schwer, da sie spiegelverkehrt ist, entzifferbar ist. Aber das Wortfragment "Auschwitz" ist beispielsweise lesbar. Über diese linke Bildhälfte wurden weiterhin Weinflaschen aus Werbeprospekten mit dem Hals nach unten gerichtet, wie ein Bombenhagel über dem Bild abgeworfen. Man findet hier also sehr augenfällige Bezüge
auf den Zweiten Weltkrieg stellvertretend für alle Kampfhandlungen, die auch das Jahr 1995 nicht verschont haben, sowie das schreckliche Erbe solcher Kriege. In der rechten Bildhälfte tobt ein anderer Krieg, ein eher ideologischer bzw. religiöser. Zeitungsausschnitte mit Schrift und Kreuzen zitieren das wohl heftigst diskutierte Thema des vergangenen Jahres in Bayern: die Kontroverse und der Beschluß des Bundesverfassungsgerichtes über das Aufhängen christlicher Kreuze in Schulzimmern. Was in den Presseschnipseln zu lesen steht, zeigt mit welchen Emotionen diese Debatte geführt wurde: Auf einem Ausschnitt kann man ein Transparent erkennen mit der Aufschrift "Das Kreuz bleibt in unseren Schulen!". Der andere Ausschnitt zeigt Edmund Stoiber am Rednerpult, hinter ihm ein großes Kruzifix, unter ihm
der Satz "Geeint im Zorn auf das Bundesverfassungsgericht".

Das Bild "1995" zeigt, angereichert durch weitere collagierte Versatzstücke des Alltagslebens, das Kaleidoskop eines Jahres mit seinen bewegenden Ereignissen, die ihre Bedeutung bzw. Auswirkungen nicht nur auf das abgelaufene Kalenderjahr beschränken.

Als Weiteres möchte ich Sie auf eine wichtige Werkgruppe von Hans Benesch aufmerksam machen: Es handelt sich
dabei um die Gruppe der Buchübermalungen. Ich möchte hier stellvertretend die Serie mit dem Titel "Der Himmel über Europas Wiege" herausgreifen. Sie geht zurück auf ein Buch mit dem Titel "Skandinavien", Felsbilder der urzeitlichen Bewohner Skandinaviens. Ihre kultischen Relikte oder künstlerischen Programme, die sie vor rund
3000 Jahren in den Fels ritzten, wurden in Form von Frottagen (Graphitstiftabreibungen) publiziert. Diese grautonigen Botschaften aus der skandinavischen Vergangenheit reizten Hans Benesch zu einer künstlerischen Antwort. Er trennte einzelne Blätter aus dem Buch heraus und bearbeitete sie mit unterschiedlichen malerischen Mitteln. Durch die Farbe erweckt er die Felszeichnungen zum Leben. Dabei läßt er sich behutsam von den ursprünglichen Formen führen. Es entstehen nun aber nicht etwa nur Bilder, die Konturen hervorheben und Vorhandenes kolorieren, sondern Werke mit ganz eigenen neuen Bezügen, die erst durch den zum Teil auch sehr radikalen Eingriff des Künstlers entstehen. Im Extremfall ist die ursprüngliche Zeichnung gar nicht mehr zu entdecken. Sie steht lediglich als Ausgangspunkt der malerischen Auseinandersetzung, ähnlich wie bei den "objets trouvées" der Dadaisten, die in ihren künstlerische Arbeiten fertige vorgefundene Objekte des Alltags verfremdeten, indem sie sie in neue Sinnzusammenhänge setzten. Hans Benesch geht soweit, daß teilweise ganz aktuelle Themen, die ihn persönlich beschäftigen, in den Übermalungen zum Ausdruck kommen. So auf dem Blatt mit der Seriennummer 10, wo der Machtanspruch des Patriarchats sowie die sexuelle Gewalt des Mannes an der Frau thematisiert ist. Zu sehen ist eine männliche zentrale Gestalt mit einer überzeichneten Errektion. In der einen Hand hält er eine aufgerollte Peitsche, mit der anderen umfaßt er die Hüfte einer Frau. Nicht alle Übermalungen von Hans Benesch sind so konkret aufgefaßt, vielmehr ist ihre Formensprache entsprechend der Vorbilder stark reduziert, zuweilen nur noch abstrakte Bildstruktur.

Nicht nur bei den Buchübermalungen hat sich der Künstler über Jahrzehnte hinweg eine stärkere Reduzierung und
Abstraktion in seinem Werk erarbeitet. Sie hat, ganz allgemein gesprochen, eine gesteigerte Symbolkraft und stärkere Akzentuierung der Bildaussage zur Folge. Bei ihm ist Abstraktion als Mittel zu verstehen, die Kunst näher an das Individuum heranzutragen.

Daniela Wagner MA (Kunsthistorikerin), Ettlingen 1996


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